Ein gesunder Lifestyle gehört heutzutage für viele dazu. Zahlreiche Blogs, Magazine und die Werbung predigen uns zusätzlich unermüdlich wie wichtig „Healthy Food“ und Co. sind. Doch was eigentlich gesund ist, kann ironischerweise auch krank machen, nämlich dann, wenn gesunde Ernährung zwanghaft wird.

WAS IST ORTHOREXIE?

Der Ausdruck Orthorexia nervosa oder Orthorexie (von griechisch: ὀρθός orthós „richtig“ und ὄρεξις órexis „Begierde“, „Appetit“) beschreibt eine übertriebene, zwanghafte Beschäftigung mit gesunder Ernährung, der Qualität von Lebensmitteln und dem Vermeiden „ungesunder“ Lebensmitteln. Wobei die Definition von „gesund“ oder „ungesund“ mit der Zeit immer strenger wird. Aufgrund selbst auferlegter Regeln kann dieses Verhalten dann zu psychischen und/oder physischen Beeinträchtigungen führen. Der Begriff wurde erstmals von dem amerikanischen Arzt Steven Bratman im Oktober 1997 in Anlehnung an die Bezeichnung „Anorexia nervosa“ geprägt, nachdem er sowohl bei sich selbst als auch bei seinen Patienten krankhafte Muster im Umgang mit dem Thema Essen entdeckt hatte. Während die Anorexia nervosa eine quantitative Essstörung ist, wird die Orthorexie als eine qualitative Essstörung beschrieben. Schätzungen besagen, dass ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung unter Orthorexie leiden.

frau mit wenig essen auf dem teller

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SYMPTOME DER ORTHOREXIE

Steven Bratman stellte den nachfolgenden Fragenkatalog zur Überprüfung einer möglichen Orthorexie auf:

1. Denken Sie mehr als drei Stunden am Tag über Ihre Ernährung nach?
2. Planen Sie Ihre Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus?
3. Ist Ihnen der ernährungsphysiologische Wert Ihrer Mahlzeit wichtiger als ihr Genuss?
4. Haben Sie das Gefühl, je gesünder Sie sich ernähren, desto schlechter sei Ihre Lebensqualität?
5. Sind Sie in letzter Zeit mit sich strenger geworden?
6. Steigert sich Ihr Selbstwertgefühl durch gesunde Ernährung?
7. Verzichten Sie auf Lebensmittel, die Sie früher genossen haben, um nun “richtige” Lebensmittel zu essen?
8. Haben Sie durch Ihre Essgewohnheiten Probleme auszugehen und distanzieren Sie sich dadurch von Freunden und Familie?
9. Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie von Ihrer Diät abweichen?
10. Fühlen Sie sich glücklich und unter Kontrolle, wenn Sie sich gesund ernähren?

Je mehr dieser Fragen mit Ja beantwortet werden, desto wahrscheinlicher ist, dass man unter Orthorexie leidet.

Orthorektisches Essverhalten kann im Zusammenhang mit anderen Essstörungen auftreten. Der Betroffene versucht dann mit der möglichst gesunden Ernährung zum Beispiel eine Essstörung wie Bulimie, Magersucht oder Fresssucht zu bewältigen. Umgekehrt kann orthorektisches Essverhalten auch erst die Entwicklung einer Essstörung begünstigen.

DIE ANERKENNUNG ALS KRANKHEIT WIRD NOCH DISKUTIERT

Orthorexia nervosa ist nicht im internationalen Klassifikationssystem ICD 10 oder im Klassifikationssystem der Vereinigten Staaten DSM-5 gelistet und ihr Status als Essstörung wird kontrovers diskutiert. Strittig ist hauptsächlich, ob es sich um eine Krankheit oder lediglich um einen „aufwändigen“ Lebensstil handelt. Für die Anerkennung als Krankheit wird langfristig ausschlaggebend sein, wie hoch der individuelle Leidensdruck und die Einschränkungen der allgemeinen Lebensqualität sind. Es wird zudem diskutiert, ob zu einer Diagnose der Orthorexie auch das Vorhandensein von Persönlichkeitszügen notwendig sind.

frau steht vor lebensmittelregal

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URSACHENFORSCHUNG: DIE ERNÄHRUNG ALS SPIEGEL DER IDENTITÄT

In der medial gewordenen Welt hat Ernährung heute einen ähnlichen Status wie Mode: Sie drückt aus, was für ein Mensch wir sind und zeigt nach außen „Schaut her, ich bin stark und gesund!“. Die Ernährung ist für viele wichtiges Element der kulturellen Identität und bietet die Möglichkeit, als Teil des Persönlichkeits-Mosaiks ein gewünschtes Bild nach außen zu tragen. Oft geht es bei der Einhaltung von bestimmten Ernährungsweisen längst nicht mehr nur um den Wunsch nach gesunder Ernährung, sondern um Selbstdarstellung und das Zelebrieren von Trends.

THERAPIE

Orthorexie wird ähnlich wie andere Essstörungen behandelt. Dabei geht es für die Betroffenen vor allem darum, das Essverhalten zu normalisieren und zu entspannen. Sie müssen lernen, sich ohne schlechtes Gewissen etwas zu gönnen und nur wegen des Geschmacks zu essen – losgelöst vom Nährwert und den gesundheitlichen Benefits. Da eine gesunde Ernährung natürlich allgemein positiv ist, ist die Therapie eine besondere Herausforderung. Maßgeblich ist hier vor allem eine Veränderung des Mindsets im Hinblick auf die eigene Wahrnehmung und die Reflektion nach außen.

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Eine gesunde Ernährungsweise geht auch im Einklang mit uns selbst, so wie bei der Buddha Diät – ohne Zwang und schlechtes Gewissen. Die sogenannten „Cheat Days“ mögen nett gemeint sein, fördern aber auch eine Kultur, in der Essen zur Sünde verteufelt wird. Am Anfang zu einem gesunden Leben steht die Liebe zu sich selbst und auch die kann man lernen!

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