Ein aufrichtiges „Es tut mir leid!“ ist ein Zeichen von Stärke und die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Reue ebenso. Aber was, wenn wir uns zu oft entschuldigen, weil das inflationäre „Sorry“ schon zum Reflex geworden ist und aus uns heraussprudelt ohne, dass wir es wollen? Ein Automatismus, der uns klein macht und den wir dringend durchbrechen müssen!

VOR ALLEM FRAUEN LEIDEN OFT AN EINEM ENTSCHULDIGUNGSKOMPLEX

Es gibt Entschuldigungen, die sind unverzichtbar und werden vom sozialen Kodex gefordert. Wenn wir großen Mist gebaut haben, zwischenmenschlich oder beruflich, dann erwartet man diese Fähigkeit von uns als selbstreflektierten Menschen. Es gibt aber noch eine andere Form von Entschuldigungen, und zwar die, die sich unbewusst in unseren alltäglichen Sprachgebrauch einschleichen. Wie kleine, unsichere Präpositionen drängeln sie sich in unsere Sätze: „Tut mir leid, aber ich würde das lieber so machen“ oder auch „Sorry, ich habe schon mal angefangen“.

frau mit händen vor dem gesicht auf bett liegend

Photo by Anthony Tran on Unsplash

Grundsätzlich höfliche Formulierungen, doch sie treten oft in Situationen auf, in denen überhaupt keine Entschuldigung nötig wäre – oder noch schlimmer: sich eigentlich das Gegenüber entschuldigen müsste. Ich sage es ja nur ungern, aber vor allem wir Frauen entwickeln diesen „Entschuldigungszwang“ leider häufig. Natürlich gibt es auch die selbstsicheren und bewundernswerten Alpha-Frauen, aber bei vielen von uns scheinen Unsicherheit und ein Schuldkomplex Dauerbegleiter zu sein. Schließlich sagt es die Bezeichnung Entschuldigung selbst: Sie soll uns von einer Schuld befreien.

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WER SICH DAUERND ENTSCHULDIGT, MACHT SICH SELBST KLEIN

Entschuldigungsfloskeln schleichen sich schnell und unbewusst ein, schwächen aber das danach Gesagte ab. Das ist normalerweise auch sinnvoll, denn mit einer Entschuldigung wollen wir ein schlechtes Verhalten oder zu harte Worte abschwächen und das Gegenüber auf den Kurs zur Versöhnung bringen. Das Problem mit den Entschuldigungen am Fließband ist: Sie beeinflussen unser Bild beim Gegenüber und schreiben uns ungewollt und unbewusst Attribute wie „unsicher“ und „schwach“ zu. Achte vor allem auch in vermeintlich unbedeutenden Alltagssituationen darauf, was für ein Signal du damit eventuell sendest.

mann auf strasse mit schild in den händen

Photo by Felix Koutchinski on Unsplash

BESONDERS UNNÖTIG: SICH FÜR GEFÜHLE ENTSCHULDIGEN

Es liegt in der Sache der Natur, dass einer Entschuldigung eine unerfreuliche oder vielleicht auch de facto falsche Handlung vorausging. Es ist wichtig, dann zu differenzieren, dass wir uns für das Ergebnis entschuldigen (zum Beispiel: Ich habe meinen Partner angeschrien oder beleidigt), nicht aber für unsere Gefühle (ich war verletzt oder wütend). Beides liegt nah beieinander, aber es ist wichtig, diesen Unterschied zu kennen und auch sprachlich auszudrücken. Besonders verzwickt wird der Kreislauf der „Entschuldigungssüchtigen“, zu denen ich mich auch zähle, wenn wir merken, dass das ständige Entschuldigen eigentlich unangebracht ist oder wir sogar darauf angesprochen werden. Dann reagieren wir darauf nämlich oft mit einer – genau Entschuldigung. Quasi ein „Tut mir leid, dass es mir leidtut“. Absurd!

tafel mit entschuldigung auf tisch liegend

Photo by Toa Heftiba on Unsplash

WIE KANN ICH MEINEN ENTSCHULDIGUNGSKOMPLEX LOSWERDEN?

Ganz ehrlich: Als „Betroffene“ kann ich nur sagen, dass – wie bei allen ungeliebten Eigenschaften – nur konzentriertes Training hilft. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, welche Macht Sprache hat. Im Alltag hilft es also zunächst, eine aufmerksame Selbstanalyse zu machen: Wie oft entschuldige ich mich nebensächlich und ist das in dieser Situation wirklich nötig, oder benutze ich die Floskel einfach aus Reflex? Im zweiten Schritt musst du dann versuchen, diese Formulierungen bewusst auszusparen. Dazu gehört am Anfang etwas Überwindung, weil dir die Sätze zu hart vorkommen werden. Das ist generell ein guter Test für eine unnötige Entschuldigung: Kann man sie im Satz weglassen und er wirkt trotzdem höflich und dem Kontext passend? Dann spar sie dir!

Da in unserer Sprache viel unbewusst abläuft, braucht so ein Prozess Zeit. Ein Entschuldigungs-Besessener wird nicht von heute auf morgen zum selbstbewussten Alpha-Tier, aber mit etwas mehr Bewusstsein für das eigene Verhalten können wir Schritt für Schritt die richtige Mischung aus Demut und Rückgrat finden. Und das Schöne ist: Wir müssen uns bei niemandem entschuldigen, wenn das vielleicht ein bisschen länger braucht.

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Sorry ist inzwischen im deutschen Sprachgebrauch angekommen, aber es gibt andere Anglizismen, die einfach nur nerven. Sind Selbstzweifel bei uns Frauen allgemein stärker vertreten und wie können wir sie bekämpfen? Eines, wofür wir uns definitiv nicht entschuldigen sollten, ist leckeres Essen – auch wenn es eben mal ungesund ist. Der weit verbreitete Begriff des Cheat Days sollte daher endlich verbannt werden.

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