Eine Frau bringt sich mit Vaginalhantel und Vibrator zum Orgasmus, eine Gruppe nimmt psychedelische Pilze oder springt ins sieben Grad kalte Wasser und ist danach im Adrenalinrausch angesichts der erlebten Körperbeherrschung. Die Serie „The Goop Lab“ von und mit Gwyneth Paltrow präsentiert körperliche und spirituelle Erfahrungen im Hochglanzformat. Dabei gibt es einiges zu sehen – und auf manches davon hätte ich lieber verzichtet.

DIE SERIE FÜHRT DEN GOOP-KOSMOS WEITER

Gwyneth Paltrow ist schon lange mit ihrem Lifestyle-Blog und dem angeschlossenen Onlineshop „Goop“ erfolgreich. Mit ihren Produkten wie einem Vaginal-Ei aus Rosenquarz oder zuletzt der Kerze „Smells like my Vagina“ steht das Unternehmen zwar immer wieder auch in der Kritik oder wird belächelt, doch der Erfolg ist ungebrochen. Mit „The Goop Lab“ gibt es seit Kurzem eine Serie auf Netflix, in der das Team diverse spirituelle und körperliche Erfahrungen testet. Ihr ahnt es schon: Zugpferd Gwyneth Paltrow nimmt an den Praxistests nicht teil, sondern glänzt lieber im gemütlichen Part – dem Vorabgespräch mit den Experten und der theoretischen Beschäftigung mit dem Thema.

gesprächsrunde

©Adam Rose | Netflix

Gemeinsam mit Elise Loehnen, CCO (Chief Content Officer), philosophiert sie vor und während den jeweiligen Episoden über das Thema. Das ist gut gelöst, weil der Drang des Zuschauers, den Promi zu sehen, befriedigt wird und er durchaus interessante Hintergrundinfos bekommt. Dennoch darf man nicht vergessen, dass die Serie aus dem Dunstkreis eines Unternehmens kommt. Es werden zwar keine Produkte aus dem Onlineshop vermarktet, aber das Storytelling ist natürlich auf die Markenbildung- und -schärfung sowie die Erhöhung der Reichweite ausgelegt und so ist „The Goop Lab“ letztlich ein Marketingprodukt.

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Das zeigt auch die ganze Ästhetik der Produktion, die zur Corporate Identity passen muss: Schöne Bilder von schönen Menschen. Für das Format wurde scheinbar die „optische Elite“ der Belegschaft ausgewählt: Trainiert, gesund und möglichst divers. Sozusagen Los Angeles als stylishes Abziehbild – die perfekte Fokusgruppe. Garniert mit Drohnenaufnahmen und instaworthy Bildern werden die Folgen zu Hochglanzproduktionen.

REVIEW: UNTERHALTSAM UND MANCHMAL ETWAS BEFREMDLICH

Ich starte mit der ersten vielversprechenden Folge „Ein heilender Trip“, in der sich das Team der Wirkung von psychedelischen Pilzen widmet – und zwar im therapeutischen Rahmen. Ich erfahre in diversen Background-Stories und Interviews aus dem Off, wie die Pilze und deren Wirkstoff Psilocybin bei kontrollierten Versuchen zur Traumabewältigung eingesetzt wurden und vieles mehr. Aber sind wir ehrlich: Ich will vor allem sehen, wie sich die Gruppe jetzt in ihrem Baumhaus in Jamaika auf einen kollektiven Trip begibt. Gleich einem Ritual werden die Pilze (aufgelöst in Wasser) im zeremoniellen Kreis getrunken.

menschengruppe

©Adam Rose | Netflix

Bereits nach kurzer Zeit kommt alles zutage: Vom Lachflash über die leichten Halluzinationen bis hin zu den Gefühlausbrüchen angesichts verborgener Traumata. Die begleitenden „Pilz-Profis“ legen bedeutungsschwanger ihre Hände auf die Beteiligten und im Nachgang wird in der Gruppe analysiert, wie „tiefgreifend“ diese Erfahrung war. Ich bin etwas belustigt. Wahrscheinlich, weil ich bei dem Wortschwall aus „Emotionen, Erleuchtung und spiritueller Kraft“ immer nur denken muss: Ok, die hatten gerade also einfach einen kollektiven Rausch.

DER SPRUNG INS KALTE WASSER

Ein bisschen nahbarer geht es da bei der Episode „Der Nutzen von Kälte“ zu, die sich mit Kälteshocks zur Stressbewältigung beschäftigt. Allerdings bekommt auch das schnell einen abgedrehten Twist, weil der Ober-Guru erzählt, er könne seinen Körper kontrollieren – soweit, dass er auch gegen Keime und Viren immun sein kann. Alles angeblich in Studien belegt. Dieses Mal darf eine neue Gruppe aus den stylishen Headquarters an der Grenzerfahrung teilnehmen und sich am Lake Tahoma ins sieben Grad kalte Wasser stürzen.

gruppe von frauen

©GOOP | Netflix

Davor wurde Snowga (Yoga im Schnee) praktiziert und eine spezielle Atemtechnik erlernt. Es werden schon wieder alle ganz emotional und ich beginne mich zu fragen, ob das „Goop“-Team vielleicht einfach allgemein eine Gruppentherapie bräuchte. Danach sind wieder alle ganz befreit. Eine Mitarbeiterin fühlt sogar einen Umbruch und ist positiv gestimmt, ihre Panikattacken nun überwinden zu können. Wer braucht schon Therapie, wenn Atemtechnik und ein Sprung ins kalte Wasser helfen?

UND PLÖTZLICH SIND SIE DA: VULVEN IN GROSSAUFNAHME

Doch mein Highlight sollte noch kommen: Die Folge „Das Vergnügen ist ganz meinerseits“. Der Teaser verspricht: „Von Vulven bis hin zu wahrer Verletzlichkeit – Gwyneth und ihr Team erkunden mithilfe der Sexualpädagogin Betty Dodson die weibliche Lust.“ Nachdem geklärt ist, was der Unterschied zwischen Vagina und Vulva ist (Geburtskanal vs. „alles, was Spaß macht“), darf sich eine Gruppe weiblicher Mitarbeiterinnen in einem Workshop gegenseitig Hände und Füße massieren. So weit, so unangenehm. Es wird immer wieder betont, wie wichtig es ist, zu wissen wie man selbst „da unten“ aussieht. Ich war mir sicher: Ok, das werden sie eh nicht zeigen. Und ich lag so falsch.

zwei frauen schauen fernsehen

©Adam Rose | Netflix

Ohne größere Ankündigung flackern alle möglichen Vulven in Großaufnahme über den Bildschirm – wie ein Diavortrag. Und zwar einer, den ich persönlich nicht sehen muss. Manche Dinge können meiner Meinung nach auch einfach im Verborgenen bleiben. Doch der Höhepunkt (sorry für das Wortspiel) kommt erst noch: Die 90-jährige Sexualpädagogin und ihre Mitarbeiterin nehmen es mit ihrer Bildungsmission ganz genau. Nach diversen Einspielern von Seminaren zeigt ihre Mitarbeiterin vor laufender Kamera, wie sie sich selbst mit Vaginalhantel und Vibrator zum Höhepunkt bringt. „Das war schön“, sagt sie danach. Das Kamerateam klatscht. Und ich bin verstört.

FAZIT

„The Goop Lab“ ist eine Serie, die sich mit Themen beschäftigt, die sich nur eine verwöhnte Gesellschaft wie unsere erlauben kann. Sie oszilliert irgendwo zwischen Infotainment und Dokumentation und spielt dabei ordentlich auf der Klaviatur aus Spiritualität, Sexualität, Psychologie und alternativen Heilmethoden. Zu Beginn jeder Folge wird im Disclaimer klargestellt, dass die Serie der Unterhaltung dient und keinen Arzt ersetzen soll. Und diese Funktion erfüllt sie. Sie unterhält und wenn es oft nur durch unfreiwillige Komik ist. Sie bietet bestimmt auch für den ein oder anderen einen Anreiz, sich mit neuen Themen zu beschäftigen. Ich mache erstmal eine Pause von der Serie, bis ich mein „Vulva-Trauma“ überwunden habe. Vielleicht springe ich ja irgendwo in einen kalten See…

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Auch das sogenannte Vagina Steaming hat unter anderem Gwyneth Paltrow bekannt gemacht. Wir erklären, was es mit der Dampfbehandlung für die Intimzone auf sich hat. Die depressive Vagina kennen wir spätestens seit „Sex & the City“ und es gibt sie wirklich. Wir liebenStreaming-Dienste, wie Netflix, aber manchmal kann zu viel Auswahl auch überfordern. Im TV wie im Leben allgemein.

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