Hat der gute alte Gentleman in einer emanzipierten Welt keinen Platz mehr und kann nur noch im Film existieren? Oder sterben gute Manieren und zuvorkommendes Verhalten allgemein und geschlechterübergreifend aus? Wieso sich der Blick in die Vergangenheit lohnt und warum wir nicht nur den Gentleman, sondern auch die „Gentlewoman“ wieder salonfähig machen sollten.

HOLLYWOOD MACHT ES VOR: EIN GENTLEMAN IST EIN FREMDKÖRPER

In dem Film „Eve und der letzte Gentleman“ wird ein fiktives Szenario hollywoodgerecht umgesetzt, das zeigt, wie die Zeit Gesellschaft und Individuum verändern. Adam (Brendan Fraser) wird in den 1960ern in einem unterirdischen Bunker geboren und lebt dort mit seinen Eltern, die Angst vor einer nuklearen Katastrophe haben, abgeschnitten vom Rest der Welt. Während also draußen das Leben weitertobt, bleibt bei der Familie Webber die Zeit stehen, mit all ihren moralischen Vorstellungen und Werten. Als Adam dann in die moderne Welt entlassen wird, ist er ein Fremdkörper, eine altmodische Ausnahmeerscheinung. Dieser Gentleman der alten Schule trifft dann natürlich auf eine moderne Frau (Alicia Silverstone) und es kommt wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich filmreif. Obwohl es sich bei dieser Romantik-Klamotte um eine Hollywood-Produktion handelt, bekomme ich in der Realität manchmal das Gefühl, dass der Gentleman tatsächlich ausgestorben ist oder wie in dem Film irgendwo versteckt leben muss. Denn einen Mann, der eine Frau zuvorkommend behandelt ohne sich gleich altmodisch oder in seiner Coolness kastriert zu fühlen, kann man heutzutage leider lange suchen. Das mag eventuell schon an dem Ausdruck selbst liegen, denn welcher Mann bezeichnet sich schon selbst gerne als ein (frei übersetzt) „sanften Mann“?

mann überrascht frau mit rosen

©GeorgeRudy/iStock

PASST DER GENTLEMAN ÜBERHAUPT NOCH IN EINE EMANZIPIERTE WELT?

Ich selbst würde mich als modern und emanzipiert bezeichnen (was auch immer dieses überstrapazierte Wort bedeuten mag) und dennoch wünsche ich mir zumindest in Bezug auf die zwischenmenschlichen Umgangsformen manchmal die Vergangenheit, beziehungsweise meine Vorstellung von dieser zurück. In dieser hält ein Mann der Frau die Tür auf. Nicht immer, aber doch zumindest gelegentlich. Er rennt sie nicht fast über den Haufen, sondern lässt ihr den Vortritt. Er besorgt ihr etwas zu trinken, auch wenn sie nicht an Krücken geht oder sonst irgendwie in ihrer Mobilität eingeschränkt ist. Einfach so und vor allem ohne Hintergedanken. Der „moderne Mann“ scheint bei solchen Wünschen gerne zu denken: „Warum soll ich das machen nur weil ich kein doppeltes X-Chromosom habe?“. Dabei ist die Problematik überhaupt nicht geschlechtsspezifisch. Denn wenn man sich das Rollenmuster eines Gentlemans anschaut, wird dieses doch durch Werte wie Rücksicht, Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit und Respekt charakterisiert. Tatsächlich sind das alles Vorstellungen, die einem altruistischen Menschenbild innewohnen sollten – unabhängig vom Geschlecht. Doch genau das ist wohl der springende Punkt. Uneigennützigkeit oder Selbstlosigkeit scheinen aussterbende Erscheinungen zu sein. Vielleicht ist es die Zynikerin, die aus mir spricht, aber ich glaube eher daran, täglich zehn Unhöflichkeiten und egoistische Handlungen zu sehen als das Gegenteil.

GUTE MANIEREN UND MORALISCHE WERTE SIND KEINE GESCHLECHTERFRAGE

Natürlich ist der Besitz des weiblichen Geschlechtes allein kein Grund, mehr Hilfe und Rücksichtnahme zu erwarten als Männer. So sollte es eigentlich selbstverständlich sein, sich gegenseitig zu respektieren und zu helfen und zwar unabhängig vom Geschlecht. Wenn ich sehe, wie eine Frau sich mit einem schweren Koffer abmüht, greife auch ich als „Geschlechtsgenossin“ zu. Sicherlich gibt es zum Glück auch in dieser Hinsicht Lichtblicke in unserer doch meist egoistisch motivierten Gesellschaft, aber diese müssten noch viel häufiger und selbstverständlicher werden. Ansonsten wird der selbstlose Mensch irgendwann ebenso zur Ausnahmeerscheinung wie der Gentleman. Oder er verschwindet irgendwo in einem unterirdischen Bunker!

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