Eigentlich kennen wir Moleküle nur aus dem Chemie-Unterricht und als charmante Pop-Metapher aus Mias „Tanz der Moleküle“, doch auch in der Welt der Parfums spielen sie eine Rolle. Die sogenannten Moleküldüfte sind so etwas wie die „Haute Couture der Parfümerie“, bei der Wissenschaft und Duftkunde aufeinandertreffen und ein neues Dufterlebnis erschaffen. Das Besondere: Der Duft unterstreicht den eigenen Körpergeruch. Nie war Minimalismus so spannend!

WAS SIND MOLEKÜLDÜFTE?

Bereits die Kreation eines „normalen“ Parfums ist ein Meisterwerk, bei der mit einem harmonischen Spiel aus Herz-, Kopf- und Basisnote eine Duft-Symphonie geschaffen wird. Moleküldüfte heben die Kunst der Parfumeure auf eine andere Ebene, bei der nicht Effekthascherei und Vielfalt im Zentrum stehen, sondern Zurückhaltung und der Charakter des Trägers. Minimalismus lautet das Schlagwort. Der Clou bei Moleküldüften: Sie unterstreichen den eigenen Körpergeruch!

Konkret heißt das, dass im Labor synthetische Molekularstrukturen hergestellt werden, die im Flakon geruchlos sind und erst beim Kontakt mit der Haut ihre Wirkung entfalten. Dabei orientieren sich die künstlich kreierten Duftnoten nicht an bereits bestehenden Gerüchen und sind sozusagen ein olfaktorisches Novum für die Nase.

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©IKvyatkovskaya/iStock

DIE ESSENZ VON INDIVIDUALITÄT UND EIN HAUCH REBELLION

Die Moleküle verbinden sich mit dem Körpergeruch des Trägers und bringen diesen stärker zur Geltung – Moleküldufte sind daher wirklich einzigartig und vielleicht die Essenz von Individualität! Sie sollen übrigens auch eine pheromonische Wirkung haben und daher besonders anziehend wirken. Außerdem halten sie meistens länger auf der Haut als normale Düfte und bestechen mit ihrem klaren, dezenten Charakter.

Moleküldüfte umgibt außerdem ein Hauch der Rebellion, in dem zum Beispiel vermeintliche Regeln der Parfüm-Kreation bewusst gebrochen werden: Die Herznote wird zum Beispiel in der Formel komplett gestrichen oder es gibt statt der üblichen drei ganze sechs Stufen bei der Entfaltung des Duftes.

Bekannte Marken für Moleküldüfte sind zum Beispiel Zarkoperfume aus Dänemark und Escentric Molecules aus Berlin. Der Unisex-Duft Molecule No. 1 besteht zum Beispiel aus genau einer Duftnote!

Wir haben „Duft-Jockey“ und Parfümliebhaber Jürgen Schmidt zu Moleküldüften interviewt. Er veranstaltet mit „Rhythm ‘n‘ Nose“ in Stuttgart und Umgebung „Duftend-musikalische Sausen“, bei denen außergewöhnliche Parfüms mit Live-Musik, Essen und Storytelling präsentiert werden.

juergen schmidt

Duftjockey Jürgen Schmidt

1. Hast du selbst schon mal einen Molekülduft getragen? Wenn ja welchen und wie hat er dir gefallen?
Mir fallen da sofort zwei Lieblingsdüfte ein. Ein 100%iger Molekülduft, nämlich „e`L“ von Zarcoparfum. Einer meiner Sommerlieblinge. Außerdem ein halber Molekülduft – Encre Noir von Lalique mit einem Iso E Super Gehalt von 45%, soviel ich weiß.

2. Wie würdest du jemandem, der keine Ahnung von Parfüm hat, das Konzept eines Molekülduftes erklären?
Ich würde tatsächlich den minimalistischen Ansatz wählen, also dass man mit Moleküldüften noch am ehesten nicht nach Parfüm im klassischen Sinne duftet. Damit weckt man das Interesse von Parfüm-Laien erfahrungsgemäß ganz gut.

3. Viele glauben bei Moleküldüften an einen Marketing-Gag und Effekthascherei, was ja in der Branche auch nicht abwegig ist. Was würdest du Zweiflern entgegnen?
Das Verwenden von Molekülen in Parfüms ist doch seit vielen Jahren Praxis. Moleküle bereichern Duftkompositionen, so sehe ich das. Anfangs in sehr kleinen Mengen, wie z.B. Anfang der 1990er Jahre in Harlson Women oder Fahrenheit von Dior. Dass es heute auch reine Moleküldüfte gibt und diese entsprechend „technologisch“ oder „futuristisch“ komponiert, verpackt und vermarktet werden ist die logische Konsequenz unseres momentanen technologischen Zeitgeistes.

juergen schmidt duft

Jürgen Schmidt ©Uwe Dietrich

4. Du hast selbst eine große Leidenschaft für Parfüm und vor allem für Nischendüfte. Wie kam es dazu?
Mich haben schon immer alle Parfüms interessiert, ob hier in Deutschland oder noch spannender im Ausland. Als ich von Nischendüften dann zum ersten Mal so richtig gelesen habe Ende der 1990er Jahre und auch gerochen habe, war es um mich geschehen. Nischen im Sinne von Alternativ- oder Subkultur haben mich schon immer angezogen, weil hier Neues entsteht.

5. Hast du einen absoluten Lieblingsduft – egal ob Molekül, Nische oder Mainstream?
Da ich als Duftjockey Duftkompositionen auflege, befasse ich mich Tag und Nacht mit Lieblingsdüften. Am meisten gefallen mir Düfte, die immer auch ein Stück Mysterium bleiben. Augenblicklich würde ich sagen, ist das bei „El Cosmico“ von D.S. & Durga am der Fall. Mein liebster und langjährigster „Immergeher“ ist jedoch „Peppermint“ von Comme des Garçons, auch im Winter.

Weitere Infos unter https://www.rhythmandnose.de/

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Moleküldüfte machen sich auch gut auf dem sogenannten Topshelf – dem Badezimmerregal, das inzwischen schön inszeniert wird. H&M präsentiert seine erste Duftkollektion, die mit weltweit führenden Parfumhäusern kreiert wurde. Kräuter verfeinern nicht nur das Essen, sondern sorgen auch in Düften für Raffinesse. Dabei entstehen außergewöhnliche Kreationen rund um Thymian, Basilikum und Co.

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