annelies loibl
Interview

Beauty Talk mit Dr. Annelies Loibl von ATTIÈL

Heute im Gespräch begrüßen wir Dr. Annelies Loibl, Ärztin und Gründerin der Kosmetikmarke ATTIÈL. Als Medizinerin betrachtet sie die Haut niemals isoliert, sondern fokussiert sich ganz auf den Menschen, der mit ihr lebt. Mit ATTIÈL setzt sie auf das Konzept der „Philoceuticals“ – eine bewusste, minimalistische Pflege rund um die Damaszener-Rose, die radikal mit dem Mantra komplizierter 10-Step-Routinen bricht. Für uns blickt sie hinter den ständigen Hype der Beauty-Industrie, warnt vor den Folgen von zu viel Pflege und erklärt, warum wahre Ausstrahlung am Ende eine Frage der inneren Haltung ist.

Frau Dr. Loibl, mit ATTIÈL haben Sie sogenannte „Philoceuticals“geschaffen. Was unterscheidet Ihre Brand von den klassischen Clean-Beauty-Marken auf dem Markt?

Dr. Annelies Loibl: Die meisten Hautpflegemarken beschäftigen sich mit der Haut. Mich interessiert der Mensch, der mit dieser Haut lebt. Genau darin unterscheidet sich ATTIÈL von vielen klassischen Clean Beauty Marken. Für mich reicht es nicht, einzelne Inhaltsstoffe wegzulassen und das dann als „Clean-Konzept“ zu positionieren. ATTIÈL ist aus meiner ärztlichen Art zu denken entstanden. Ich betrachte Haut nicht isoliert. Haut reagiert auf Schlaf, Stress, Ernährung, Hormone, Umwelt, Berührung, aber auch auf unsere Gewohnheiten, Gedanken, Erinnerungen und die Art, wie wir durchs Leben gehen.

ATTIÈL_Annelies Loibl_ Portrait_(c)©Walter Oberbramberger (1)

©Walter Oberbramberger

Der Begriff Philoceuticals ist Teil unserer Marke, weil er diese Haltung sichtbar macht. Pflege ist für mich nicht nur eine Formulierung. Sie ist eine Entscheidung darüber, womit wir uns täglich umgeben und welche Qualität wir in unseren Alltag lassen.

Deshalb beginnt ein Produkt für mich nicht erst beim Wirkstoff. Es beginnt bei der Rohstoffauswahl, bei der Frage, wie ein Pflanzenstoff gewonnen wird, wie komplex seine natürliche Zusammensetzung ist, welche Textur entsteht, wie sie sich auf der Haut verhält, wie sich die Verpackung anfühlt und aus welchem Material sie besteht.

Wir verwenden Glas nicht, weil es schöner aussieht, sondern weil es inert ist. Es geht keine Verbindung mit seinem Inhalt und später auch nicht mit der Umwelt ein. Bei Kunststoffverpackungen stellt sich immer die Frage, ob Bestandteile aus dem Material in die Textur übergehen können und wie er sich nach dem Gebrauch in der Umwelt verhält. Für mich gehört auch das zur Verantwortung einer Marke.

Auch die poetischen 3-Zeiler, die Haikus auf unseren Produkten, sind kein dekoratives Detail. Sie sind kleine Gedankenräume. Ein kurzer Moment, der nicht erklärt, sondern unterbricht. In einer Zeit, in der viele Menschen nur noch funktionieren, kann auch das Teil von Pflege sein.

ATTIÈL ist deshalb keine Marke, die einfach nur „clean“ sein möchte. Ich möchte nicht über Reinheit sprechen, sondern über Bewusstsein, über Wirkung und über Verantwortung.

Die Damaszener-Rose zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre gesamte Linie. Warum ist ausgerechnet sie der medizinische Star in den ATTIÈL-Formulierungen und was kann sie für die Haut tun?

Dr. Annelies Loibl: In der Kosmetik wird permanent nach dem nächsten Trend gesucht. Nach dem nächsten Wirkstoff, dem nächsten Hype. Gleichzeitig gibt es Pflanzen, die die Menschheit seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden begleiten und deren Potenzial wir bis heute nicht vollständig verstanden haben.

Die Damaszener Rose gehört für mich dazu. Als Ärztin fasziniert mich, dass ein Rosenhydrolat aus weit über hundert natürlichen Bestandteilen besteht. Die Natur denkt selten in Einzelsubstanzen. Mich interessiert genau dieses Zusammenspiel vieler Komponenten, das wir bis heute nur teilweise erklären können.

Die Rose unterstützt die Haut dabei, Feuchtigkeit zu bewahren, wirkt antioxidativ und wird von den meisten Menschen sehr gut vertragen. Aber das allein wäre für mich noch kein Grund gewesen, eine ganze Linie auf ihr aufzubauen.

ATTIÈL_Imagebild_(c)©Walter Oberbramberger

©Walter Oberbramberger

Mich interessiert auch die Geschichte hinter einem Rohstoff. Die Rose begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Mit Rosenöl wurden Könige und Priester gesalbt, mit Rosenwasser wurden Neugeborene willkommen geheißen und Sterbende verabschiedet. Sie begleitet den Menschen in vielen Kulturen vom Anfang bis zum Ende des Lebens.

Solche Geschichten sind für mich keine Romantik. Sie zeigen, dass Pflanzen nicht nur Träger von Molekülen sind. Sie sind auch Träger von Erfahrung, Wissen und Geschichte.

Ich glaube, wir haben uns daran gewöhnt, Innovation immer mit etwas Neuem gleichzusetzen. Für mich kann Innovation auch bedeuten, das Bewährte neu zu verstehen. Genau deshalb ist die Damaszener Rose für mich kein nostalgischer Rohstoff, sondern ein hochaktueller.

ATTIÈL bricht bewusst das Mantra von komplizierten 10-Step-Routinen. Wenn eine Leserin mit nur einem einzigen ATTIÈL-Produkt starten möchte: Welches würden Sie ihr empfehlen und warum?

Dr. Annelies Loibl: Den Balancing Toner. Ich glaube, wir unterschätzen Toner generell. Sie stehen selten im Mittelpunkt einer Pflegeroutine, obwohl sie genau dort ansetzen, wo gesunde Haut beginnt: bei Feuchtigkeit, Hautbarriere und einem stabilen Hautmilieu. Der Balancing Toner unterstützt die Haut dabei, ihren leicht sauren pH-Wert zu bewahren, versorgt sie mit Feuchtigkeit und unterstützt Hautbarriere und Hautmikrobiom.

Er enthält Rosen- und Holunderblütenhydrolat, zwei Pflanzen, die die Menschen seit langer Zeit begleiten. Viele verbinden ihren Duft mit etwas Vertrautem und Wohltuendem. Deshalb steht der Toner bei mir oft nicht nur im Badezimmer, sondern auch auf dem Schreibtisch. Zwei oder drei Sprühstöße, kurz die Augen schließen und durchatmen, mehr braucht es manchmal nicht.

Mit ATTIÈL plädieren Sie für ‚Healthy Aging‘ und Pflegerituale, die als Momente zum Innehalten dienen. Wie schaffen Sie es selbst, zwischen einer stark ausgelasteten Arztpraxis und Ihrer Kosmetikbrand die Balance zu halten und dieses ‚Savoir-vivre‘ im Alltag zu leben?

Dr. Annelies Loibl: Savoir-vivre bedeutet für mich, das Leben zu genießen, auch wenn die Tage intensiv sind. Ich habe das große Glück, als Ärztin und mit ATTIÈL einer Arbeit nachzugehen, die für mich sinnstiftend ist. Deshalb empfinde ich Arbeit nicht als Gegenpol zum Leben, sondern als Teil davon.

Was ich allerdings gelernt habe: Gesundheit entsteht nicht durch Perfektion. Wir wissen heute sehr viel über Bewegung, Ernährung, Schlaf oder Darmgesundheit. Wissen ist wichtig, aber es allein verändert noch nichts. Entscheidend ist, diese Dinge so in den Alltag zu integrieren, dass sie selbstverständlich werden. Für mich bedeutet das, mir Zeit für eine Mahlzeit zu nehmen, ausreichend zu schlafen oder einen flotten Spaziergang zu machen. Das muss nicht kompliziert sein.

Früher war ich oft unzufrieden, wenn ich meine To-do-Listen nicht vollständig geschafft habe. Heute sehe ich das anders. Manche Tage gelingen besser, manche schlechter. Das gehört zum Leben.

Wichtiger ist für mich, die Dinge, die mir guttun, so in meinen Alltag zu integrieren, dass ich nicht mehr darüber nachdenken muss. So selbstverständlich wie Zähneputzen.

Und ich reflektiere bewusst. Wenn mich etwas stört, versuche ich etwas zu verändern, sei es in meinen Gewohnheiten, in Beziehungen oder in meinem Alltag. Wir haben oft mehr Gestaltungsspielraum, als wir glauben. Vielleicht ist genau das für mich Healthy Aging: Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Sie betonen immer wieder, dass eine darmgesunde Ernährung untrennbar mit einer hautgesunden Ernährung verbunden ist. Welche konkreten Nahrungsmittel oder Ernährungsgewohnheiten können Sie unseren Leserinnen und Lesern empfehlen, um die Haut von innen heraus optimal zu unterstützen?

Dr. Annelies Loibl: Viele Menschen suchen nach dem einen Superfood für schöne Haut. So einfach funktioniert unser Körper aber nicht. Gesunde Haut entsteht durch Zusammenspiel. Wir müssen unsere Zellen mit Nährstoffen versorgen, gleichzeitig aber auch unsere Darmbakterien füttern, die einen wichtigen Beitrag für Darmschleimhaut, Immunsystem und letztlich auch die Haut leisten. Deshalb empfehle ich keine einzelnen Wundermittel, sondern einige einfache Grundprinzipien: ausreichend hochwertige Proteine, möglichst viele unterschiedliche Pflanzen, ballaststoffreiche Lebensmittel und hochwertige Fette.

Ganz konkret bedeutet das für mich, Hülsenfrüchte regelmäßig auf den Speiseplan zu setzen, idealerweise mehrmals pro Woche, und eine möglichst große pflanzliche Vielfalt anzustreben. Rund 30 verschiedene Pflanzen pro Woche, möglichst in allen Farben des Regenbogens, sind ein einfaches und sehr sinnvolles Ziel. Die Natur arbeitet selten mit Einzellösungen. Unser Körper auch nicht.

Viele Menschen überfordern ihre Haut mit zu vielen verschiedenen Produkten. Wie sieht aus Ihrer Sicht eine minimalistische, aber hocheffektive Basis-Routine aus, die für jeden Hauttyp funktioniert?

Dr. Annelies Loibl: Haut ist ein erstaunlich intelligentes Organ. Sie verfügt über eine eigene Barriere, ein eigenes Mikrobiom und zahlreiche Mechanismen, um sich selbst zu schützen und zu regenerieren. Deshalb muss eine gute Pflegeroutine aus meiner Sicht nicht kompliziert sein. Für die meisten Menschen reichen vier Schritte völlig aus: eine sanfte Reinigung, ein Toner, eine gute Creme und Sonnenschutz dann, wenn die Haut tatsächlich einer relevanten UV-Belastung ausgesetzt ist.

Ein Serum würde ich nicht grundsätzlich jedem empfehlen, sondern dann ergänzen, wenn ein konkretes Hautbedürfnis besteht, etwa ein erhöhter Feuchtigkeitsbedarf, eine unreine Haut oder ein erhöhtes Bedürfnis nach Regeneration.

Gesunde Haut entsteht selten durch immer neue Produkte. Oft profitiert sie am meisten von einer Routine, die zu ihr passt und konsequent angewendet wird.

ATTIÈL ist unisex, vegan und frei von Füllstoffen. Welche klassischen Inhaltsstoffe aus herkömmlichen Kosmetika meiden Sie konsequent – und worauf sollten unsere Leserinnen beim Blick auf die Verpackung generell verzichten?

Dr. Annelies Loibl: Ich versuche, Inhaltsstoffe nicht in „gut“ und „schlecht“ einzuteilen. So einfach ist es meist nicht. Natürlich verzichten wir bei ATTIÈL auf Mikroplastik, Silikone, Mineralöle und synthetische Duftstoffe. Gleichzeitig halte ich wenig von pauschalen Urteilen. Nicht alles Natürliche ist automatisch gut und nicht alles Synthetische automatisch schlecht.

Gerade bei manchen Inhaltsstoffen gibt es selten einfache Antworten. Bei Sonnenschutzfiltern etwa wird häufig in „natürlich“ und „chemisch“ eingeteilt. Für mich greift das zu kurz. Mir war wichtig, auf Nanopartikel zu verzichten und gleichzeitig Filter auszuwählen, die nicht als hormonell störend diskutiert werden. Kosmetikentwicklung hat oft weniger mit Ideologien als mit sorgfältiger Abwägung zu tun.

ATTIÈL_Annelies Loibl_ Portrait_(c)©Walter Oberbramberger (3)

©Walter Oberbramberger

In den nächsten Jahren wird außerdem die Kennzeichnung potenzieller Allergene in natürlichen Rohstoffen stärker in den Fokus rücken. Dadurch werden auf vielen Produkten künftig mehr Inhaltsstoffe gesondert ausgewiesen werden müssen.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass natürliche Inhaltsstoffe problematisch sind. Eine längere Zutatenliste bedeutet nicht automatisch ein höheres Risiko. Hier wird es aus meiner Sicht viel Aufklärungsarbeit brauchen, damit Verbraucherinnen verstehen, was eine solche Kennzeichnung tatsächlich bedeutet.

Wer einen Blick auf die Inhaltsstoffliste wirft, sollte nicht nur auf einzelne Schlagworte achten. Oft lohnt es sich, die ersten Positionen der Liste anzusehen. Dort finden sich in der Regel jene Bestandteile, die den größten Anteil an der Formulierung haben.

Gute Kosmetik erkennt man aus meiner Sicht nicht an einem Trendstoff oder einer langen „frei von“-Liste. Entscheidend ist, ob eine Formulierung in sich stimmig ist und ob die Entscheidungen dahinter mit Sorgfalt getroffen wurden.

Was ist aus Ihrer Erfahrung der häufigste Fehler, den wir bei der täglichen Reinigung oder Pflege machen, der unsere Haut unnötig stresst?

Dr. Annelies Loibl: Der häufigste Fehler ist aus meiner Sicht eine zu aggressive Reinigung und Pflege. Viele Menschen verwenden noch immer klassische Seifen im Gesicht und wissen gar nicht, dass Seife eine Lauge ist. Sie verändert den natürlichen pH-Wert der Haut und kann Hautbarriere und Hautmikrobiom unnötig belasten. Gleichzeitig beobachten wir einen Trend zu immer mehr aktiven Wirkstoffen. Häufige Peelings, Fruchtsäuren oder hochdosierte Wirkstoffe werden oft verwendet, ohne zu hinterfragen, ob die Haut das überhaupt braucht. Dabei bedeutet mehr nicht automatisch besser. Ich sehe in meiner Praxis häufig Haut, die weniger unter zu wenig Pflege als unter zu viel Pflege leidet.

Welches tägliche Ritual abseits von Hautpflege gehört für Sie untrennbar zu einer gesunden Ausstrahlung dazu?

Dr. Annelies Loibl: Ganz ehrlich: Ich habe kein tägliches Ritual, von dem ich glauben würde, dass es für Ausstrahlung verantwortlich ist. Für mich hat Ausstrahlung viel weniger mit Ritualen als mit einer inneren Haltung zu tun.

Ich glaube, man sieht einem Menschen an, ob er sich ständig mit dem beschäftigt, was fehlt, oder ob er Interesse am Leben hat. Neugier, Begeisterung, Humor und die Fähigkeit, sich über Dinge freuen zu können, haben für mich mehr mit Ausstrahlung zu tun als jede Creme und jedes Schönheitsritual. Vielleicht wirken Menschen am attraktivsten, wenn sie mit dem Leben beschäftigt sind und nicht ständig mit sich selbst.


Wir bedanken uns bei Dr. Annelies Loibl für das interessante Interview. Mehr Informationen findet ihr unter https://attiel.com und @attiel_philoceuticals.

Titelbild: ©Walter Oberbramberger